Weltenbau für Einsteiger
Geheimnisse der Schöpfer
Wie Fantasy-Autoren skurrile Welten erschaffen
Fantastischer als fantastisch müssen die skurrilen und ungewöhnlichen Welten der Fantasy-Literatur sein. Einige Bücher bleiben dem Leser nicht nur in Erinnerung, weil die Figuren prägnant sind oder die rasante Handlung die Seiten dahinschnellen lässt, sondern weil der Autor eine beeindruckende Welt erschaffen hat. Doch wie gelingt es, eine Fantasy-Kulisse lebendig und vielschichtig darzustellen? Anhand von vier Romanen, die jeweils sehr unterschiedliche Settings aufweisen, wollen wir die Tricks und Kniffe der Autoren genauer betrachten.
Plaschkas Puzzle
Die Arbeit an einem Roman ist lang, unübersichtlich und demotivierend. Deshalb beginnen einige Autoren mit Kurzgeschichten, lernen das Handwerk und tasten sich langsam an etwas Größeres heran. Manchmal entstehen aus Kurzgeschichten Romane, wie ein Puzzle aus vielen Einzelteilen entsteht: beispielsweise Die Haarteppichknüpfer von Andreas Eschbach oder The Hope von James Lovegrove. Einen ähnlichen Weg ging auch Oliver Plaschka.
Mit seinem Debüt Fairwater oder die Spiegel des Herrn Bartholomew (Feder & Schwert) hat er den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Bereits nach den ersten Seiten versteht man, dass hier ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Fantasy-Roman vorliegt: der Aufbau der Geschichte, die Charakterisierung der Figuren und schließlich die Darstellung der Stadt, in der die Story spielt. Der Roman scheint aus vielen Puzzle-Teilen zu bestehen: Sprechende Spiegel, eine Reise zum Mond und die mysteriösen Männer in den Regenmänteln - viele Elemente ergeben erst am Ende einen Sinn.
»Fairwater ist eine fiktive Kleinstadt in den Vereinigten Staaten. Ihren Spitznamen Venedig von Maryland hat sie aufgrund ihrer unzähligen Kanäle und Brücken bekommen«, beschreibt Autor Oliver Plaschka seine Romanwelt. »In Fairwater verbinden sich Motive einer »toten«, morbiden Stadt wie Venedig oder Brügge mit der Tradition heimgesuchter Städte, die sich von H.P. Lovecraft über Stephen King bis zu David Lynch zieht. Meine Absicht war zunächst, eine Sammlung fantastischer Geschichten an einem solchen Schauplatz anzusiedeln und dabei auch bewusst Widersprüche und Unstimmigkeiten zuzulassen. Dass dann doch noch eine Romanhandlung dabei herauskommen würde, wusste ich zunächst nicht.«
Die Geschichte spielt also bloß in einer Stadt - man sollte meinen, es ist ein Leichtes, die Welt dieses Buches zu beschreiben. Doch die Vielschichtigkeit des Hintergrundes ist beeindruckend. Wie hat es Oliver Plaschka geschafft, alle Verknüpfungen im Kopf zu behalten? Dabei hat der Autor einen sehr simplen Trick angewendet. Er beschreibt seine Welt aus der Sicht der Figuren, so dass der Leser niemals mehr wissen muss als die Figur. Und aus verschiedenen Perspektiven, die die Ereignisse in Fairwater schildern, ergibt sich auch die Vielschichtigkeit des Romans. Der Autor erklärt diese Methode genauer: »Orte entstanden, weil die Figuren einer Episode dort etwas Wichtiges erlebten, und wuchsen mit jedem Mal, an dem eine andere Figur in einer anderen Episode an diesen Ort zurückkehrte und ihre eigenen Erfahrungen machte. Es war also ein organischer Prozess, weniger das Ergebnis intensiver Vorarbeit.«
Doch die skurrile Geschichte bereitete ihrem Erfinder an einem anderen Punkt Schwierigkeiten. Zwar spielt die Handlung überwiegend an einem Ort, doch nicht immer in einer Zeit. Der Verlauf ist nicht chronologisch, und die Sprünge gehen manchmal über mehrere Jahre. Oliver Plaschka hat einen Rat, wie man das handhaben sollte: »Man muss einen Überblick über die etablierten Eckdaten, aber auch über die falschen Fährten behalten. Sehr viel wichtiger als zum Beispiel ein Stadtplan, wurde bald die Timeline, in der die Geschichte verschiedener Figuren und ihrer Familien über einen Zeitraum von über hundert Jahren nachverfolgt wird.«
Der Autor hat zuerst seine Figuren entwickelt und durch ihre Augen der Welt die Tiefe verliehen. Gerade die Entwicklung der Charaktere beeinflusste die Umgebung und den Hintergrund des Romans: »Zum Beispiel war da eine Frau namens Lucia, und ich wusste nur, dass sie ein Problem mit ihrem Spiegel hat. Dann wurde aus Lucia eine vereinsamte Sängerin, die mit ihrem Spiegel sprach und auch Antworten erhielt. Die magischen Spiegel wurden schnell zu einem Leitmotiv des Romans, und das führte mich zu Mister Bartholomew und seinem Laden in den Hügeln. Dieses ganze Armenviertel entstand somit als Kulisse für Bartholomews Antiquitätengeschäft, und der alte Kirchplatz, der im sechsten Kapitel schon kurz erwähnt wurde, wurde ausgebaut, weil Lucia dort ihre Wohnung hat. Das ist ein ganz natürlicher Prozess: Es hat keinen Sinn, Details um ihrer selbst willen auszuarbeiten. In Lucias Geschichte sind es vor allem die Konnotationen des Alters und des Katholizismus, die sowohl sie als auch den Kirchplatz definieren. Wann der Platz aber gebaut wurde, welche Form er genau hat usw. sind unwichtige Informationen.«
Die größte Schwierigkeit bereitete dem Autor nicht die Weltentwicklung an sich, sondern die Anpassung der Timeline: »Ein paar Daten (Geburtstage, Zeitpunkt der Handlung) waren klar und aufgrund bestimmter Ereignisse (wie dem Durchgang des Halleyschen Kometen) auch unverrückbar.
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Olga Krouk